
Beim ersten Hallersteiner Nachtkonzert dieses Herbstes erklingen traditionelle jiddische Lieder und hebräische Volksweisen. Die „Fichtelgebirgs-Klezmorim“ nehmen ihr Publikum mit auf eine musikalische Reise zwischen Melancholie und Lebensfreude.
HALLERSTEIN: Zweimal müssen Musiker und Zuhörer in der Hallersteiner Dorfkirche am Samstagabend geduldig abwarten, bis die Turmuhr zu Ende geschlagen hat. Um neun, kurz vor Beginn des ersten Hallersteiner Nachtkonzerts dieses Herbstes. Und um zehn, vor den beiden Zugaben eines berührenden Klezmer-Abends.
In den sechzig stimmungsvollen Minuten dazwischen haben Barbara Benker und ihre Mitstreiter von den „Fichtelgebirgs-Klezmorim“ den Besuchern in der gut gefüllten Kirche die traditionelle jiddische Musik nähergebracht.
Die fünfzehn dargebotenen Stücke spannen einen Bogen zwischen tiefer Verzweiflung und ekstatischer Fröhlichkeit. Heinz Fraas an der Klarinette darf sich in schluchzende „Krekhts“ versenken oder mit trillernden „Dreydlekh“ jubilieren. Hoch oben, rechts und links vom Altarbild, scheinen Putten, die mit aufgeblasenen Bäckchen in ihre Fanfaren stoßen, die Musiker dort unten unterstützen zu wollen.
Musik für Feste und Feiern
Im schummrigen Licht der fast nur von Kerzen beleuchteten Kirche entfaltet sich eine besondere Atmosphäre. Die jiddischen Lieder sind weltliche Musik, geschrieben für Feste und Feiern. Sie orientieren sich aber an religiösen Traditionen, die bis in biblische Zeiten zurückreichen. Die Musikanten, nichts anderes bedeutet das hebräische Wort Klezmorim, interpretieren den hauptsächlich von aschkenasischen Juden aus Osteuropa entwickelten Stil mit Hingabe und Leidenschaft.
Obwohl Klezmermusik für heutige mitteleuropäische Ohren wegen ihres häufigen Wechsels zwischen Dur und Moll recht orientalisch und oft auch ein wenig schräg klingt, hat sie doch eine mitreißende Kraft. Christine Pickert-Martschin am Klavier und Manfred Martschin am Akkordeon legen das Fundament, auf das die Geigerin Barbara Benker und der Klarinettist und Saxofonist Heinz Fraas ihre Melodien bauen.
Mitsingen bei „Hava Nagila“
Die meisten Klezmer-Werke sind Instrumentalstücke, nur wenige haben Text. Wird gesungen, etwa bei „Dona, dona“ oder „Tum Balalaika“, unterstützt Gisela Schildbach die vier Klezmorim mit ihrer Stimme. Und beim wohl bekanntesten hebräischen Volkslied, „Hava Nagila“, dürfen dann auch die Besucher in der Dorfkirche mitsingen und mitklatschen. Das Stück mit der eingängigen Melodie, das seit über hundert Jahren traditionell bei jüdischen Feiern gesungen wird, war ursprünglich ein wortloser chassidischer Niggun. Erst 1918, als die Briten im Ersten Weltkrieg Palästina besetzten, schrieb Abraham Zvi Idelsohn den Text dazu: „Havah nagilah ve nismechah“, also „Lasst uns glücklich und fröhlich sein“. Heute gehört das beschwingte „Hava Nagila“ auf der ganzen Welt zu jeder jüdischen Feier. Und natürlich auch zum Repertoire der „Fichtelgebirgs-Klezmorim“ beim Hallersteiner Nachtkonzert.
Weitere Hallersteiner Nachtkonzerte am 12. September mit der Cellistin Iryna Savchenko und dem Gitarristen Oleksandr Kondratiev und am 19. September mit der Flötistin Anja Weinberger und der Cellistin Irene von Fritsch. – Andrea Herdegen, freie Kulturjournalistin
